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Was zum Teufel haben wir Menschen in digitalen Systemen und dynamischen Prozessen verloren?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: unsere Welt ist digital, vernetzt und dynamisch und zwar immer und überall. Und das ist gut so. Weil sie es auch bleibt und in Zukunft immer mehr wird, selbst wenn uns dass gar nicht passen würde. Also erheben wir uns von unseren Kanapees, schalten das Grammophon aus, werfen uns den Lodenmantel über die Schultern und steigen in die Droschke in Richtung Zukunft. Irgendwie gelingt es uns ja auch gar nicht schlecht agil, interaktiv, kollaborativ und Web 4.0 mäßig zu sein oder fallweise nur so zu tun. Aber irgendwie auch wieder nicht. Ich komme mir jedenfalls in der Gegenwart dieser Themen und umgeben von taffen und wissenden digitalen Koryphäen ab und an ziemlich doof, möchte gar sagen: ziemlich analog vor. Dabei könnte ich schwören, dass ich ein kreatives, lösungsorientiertes und um die übernächste Ecke denkendes Kerlchen bin. Also warum krieg ich es nicht auf die Reihe zu einem Digit im World Wide Web Universum zu werden? Ich vermute fast, dass es da irgendetwas in der Denke vom digitalen Zeitalter gibt, dass wir möglicherweise übersehen.
Also mal ganz langsam (welch krasser Gegenentwurf zum „immer schneller und komplexer“; beinahe schon dreist, diese Aufforderung). Prozesse, vernetzte Systeme, Kommunikation auf Webebene und die ganze Maschinerie die als Hardware daran hängt — alles digital (bin gespannt, wie lange es noch dauert bis der Opernball mit diesen Worten eröffnet wird). Nicht wirklich abwärtskompatibel und sich permanent auf der Autobahn der steten Veränderung selber links und rechts überholend. Und wenn am Ziel, schon wieder unterwegs weil veraltet und ineffektiv.
Und wir Mensch? Emotional, bedürftig und verschwenderisch (fast drängt es mich zu postulieren, dass manch schöner und wertvollster Moment in meinem Leben rational gesehen die reinste Zeitverschwendung war). Die Software ist launisch, hochkomplex und irrational. Die Hardware stammt noch aus der Steinzeit und lässt uns in Aufregung 5mal in der Stunde aufs Klo springen, bei mentalem Stress werden wir von Systemen ausgeknipst die uns ursprünglich vor Raubtieren retten sollten und trotz allem hochtechnischen Beiwerk sind wir auf dem besten Weg die Holzkeulen wieder auszupacken und uns mit Andersgläubigen, Nichtkapitalisten und so genannten Terroristen die Köpfe einzuschlagen. Wenn wir jetzt noch bedenken, dass das Wort Analog vom griechischen análogos kommst und: „der Vernunft entsprechend bedeutet“, stellen wir mit bleichem Entsetzen fest, dass wir nichts von beidem sind: nicht digital, nicht analog.
Haben wir also überhaupt eine Chance den digitalen Eimer, den wir uns über die letzten Jahrzehnte gezimmert haben und der uns jetzt mehr Wasser bringt als wir trinken können in den Griff zu bekommen? Und wenn ja wie? Und wenn nein, oh mein Gott!
Vielleicht finden wird doch noch eine Schnittstelle an der Mensch und neumodisches, digitales Zeug andocken können. Wir Menschen sind auf jeden Fall im Grunde neugierig, sehr anpassungsfähig, ausdauernd und Streben nach Lösungen. Jedenfalls bis wir in den Kindergarten kommen. Ab dort werden wir leider genormt, vereinheitlicht und standardisiert. Um uns dann genau diese anerzogenen Eigenschaften später vorwerfen lassen zu müssen- ich merke, ich schweife ab. Also dem Kern nach bringen wir doch genau die Fähigkeiten mit, nach denen heute der ProzessHinz und der VeränderungsKunz rufen. Die aber in einem Eight-to-Five Garten mit Hierarchiebeeten, Einheitsmotivationsdünger und unverrückbaren Säh- und Erntezeiten nicht wirklich gedeihen können. Und wer jetzt glaubt, ich rufe nach einem Billardtisch für alle oder einem Meditationsgarten samt Wellbeeing-Manager, der irrt gewaltig. Würde jemand Urlaub an einem trüben und gar grausigen Ort machen, nur weil er sich das Hotelzimmer selber aussuchen kann und jeden Tag eine extra Banane kriegt? Also.

Ich rede von ganz anderen Dingen, die man leider nicht einfach so kaufen und hinstellen kann. Die uns in der Steinzeit genauso wichtig waren wie sie es heute sind und die heute als letzter Schrei der Wissenschaft gefeiert werden, obwohl sie seit jeher in jeder Hundeschule als Grundwerte vermittelt werden (ja unsere langhaarigen Säugetierverwandten sind auch nicht anders gestrickt – sorry Krone der Schöpfung): Spaß und vor allem Sinn in dem zu sehen/spüren was ich tue (kann man, wenn man will auch Kohärenzsinn nennen), daraus abgeleitet durch alles was ich mache (essen, arbeiten, lieben, streiten usw.) meine seelische und körperliche Gesundheit erhalten oder verbessern (mentale und physische Salutogenese, wem das mehr sagt) und zum Schluss umgeben von Menschen sein, die mir gut tun und denen ich gut tue (als „Zoon Politikon“ hat uns schon der uralte Aristoteles erkannt).
Wir mögen weder digital noch analog sein, mit einem archaischen und emotionalen Piloten im limbischen Cockpit, voller Scheu vor Neuem und verliebt in das Gewohnte. Trotzdem stecken in uns all die Fähigkeiten und Potentiale, die derzeit so vielerorts fehlen und die unsere modernste Systeme und Strategien lähmen und verzögern. Und es gibt sie schon: die digitalen Macher, Gestalter und Entwickler. Die alle überraschen und die das wahre Potential der digitalen Transformation zum Wohle aller erahnen lassen. Und was uns allen Mut machen soll: Sie sind keine Cyborgs oder leben verschmolzen mit ihren Computern in der virtuellen Welt. Sie sie lieben ihre Familien, aber auch sich selber. Sie träumen davon dass Dinge besser werden und arbeiten daran. Sie weinen wenn sie traurig sind und sie tanzen wenn ihnen danach zu Mute ist. Sie mähen den Rasen, treffen Präsidenten und wenn sie einst sterben, werden sie tot sein. Sie sind Menschen. Wir sind Menschen.

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